Von Klaus Leeder am 14.11.2017

Blog-Artikel bearbeiten: Wie Führen im Ehrenamt gelingt: Vom Teamleader zum Teamplayer – Ein Praxisbeispiel

Kategorie:
Management von Organisationen

Wer im Job eine gute Führungskraft ist, kann jeden führen. Ein Trugschluss, dem viele unterliegen. Insbesondere dann, wenn plötzlich Arbeitswelt und privater Kosmos aufeinander treffen – etwa beim ehrenamtlichen Engagement im Verein, Verband oder einer Partei. Doch Führen im Ehrenamt hat seine eigenen Gesetze. Das musste auch Ralf Binzen, Vorstand Jugend des Fußballvereins SV09 Hofheim feststellen – und ist damit nicht allein.

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Ralf Binzen in der IT-Branche in Führungspositionen, berät Kunden national und international und hat Teams von bis zu 200 Mitarbeitern geleitet. Er hat bewiesen, dass er Menschen motivieren und zielführend steuern kann. Wie schwer kann es da sein, gleiches in dem Fußballverein seines Sohnes zu schaffen, fragte sich Binzen – so wie viele andere auch, die in ihrer Rolle als Eltern um ein Ehrenamt gebeten werden. Und wie viele von ihnen musste Ralf Binzen feststellen, dass die überraschende Antwort lautet: sehr schwer.

Auch mein Sohn spielt in jenem SV09 Hofheim, in dem Ralf Binzen seit fünf Jahren im Vorstand tätig ist. Was am Spielfeldrand als lockere Unterhaltung zwischen uns im Privaten begann, entwickelte sich zu einem intensiven Dialog, an dessen Ende wir gemeinsam wichtige Erkenntnisse für das Führen im Ehrenamt erarbeitet haben. Daraus lassen sich folgende fünf Erfolgsfaktoren ableiten, damit Führung auch im Ehrenamt nachhaltigen Mehrwert bringt.

Ich danke Ralf Binzen (RB) dafür, dass er uns Einblicke in die praktische Vereinsarbeit gibt, denn seine Erfahrungen sensibilisieren für die Herausforderungen, denen sich Tausende Ehrenamtliche stellen müssen, die im Verein, im Verband oder einer Partei Verantwortung übernehmen.

1. Erkenne dich selbst

RB: „Ich dachte: Ich kann managen, organisieren, führen – das kriege ich doch auch im Verein hin. Doch schnell musste ich feststellen, dass das auf Vereinsebene komplett anders ist. Wenn etwa die Diskussion im Berufsleben ausufert, entscheide ich an irgendeinem Punkt: Das machen wir jetzt so.` Das funktioniert im Verein nicht.“

Kern und Motor eines Vereins, Verbands oder auch einer Partei ist das ehrenamtliche Engagement. Viele Menschen engagieren sich nach wie vor gerne freiwillig und unentgeltlich. Doch eben jene Freiwilligkeit und jenes Arbeiten ohne Lohn hebeln das Managementgefüge, wie wir es aus dem beruflichen Umfeld kennen, aus. Schließlich kann im Verein gefühlt jederzeit jeder sein Amt aufgeben, ohne den Grunderwerb zu gefährden. Ein „Basta“ reicht da nicht, um gesteckte Ziele zu erreichen. Daher lassen sich gewohnte Strukturen aus dem beruflichen Führungsalltag nicht einfach aufs Private übertragen. Für die meisten Führungskräfte, die zum ersten Mal ehrenamtlich leitende Verantwortung übernehmen, ist dies eine überraschende Erkenntnis.

2. Wechsle die Perspektive

RB: „In meinen ersten Wochen als Vorstand der Jugendabteilung bin ich auf viele unterschiedliche Akteure getroffen. Da sind die Kinder und Jugendlichen, die Trainer und Betreuer, die anderen Vorstandsmitglieder und natürlich die Eltern. Und jeder von ihnen hat andere Erwartungen. Da habe ich schnell gemerkt: Nicht der Sport steht im Mittelpunkt meiner Arbeit, sondern die Kommunikation.“ 

Wenn Sanktionsmechanismen innerhalb einer Organisation, die sich weiterentwickeln will, nicht vorhanden sind, dann werden Gespräche zum wichtigsten Schlüsselelement für erfolgreiche Führung. Damit sie gelingen, ist es umso wichtiger, zu erkennen, welche Bedürfnisse die jeweiligen Personen haben, die sich freiwillig engagieren. Was motiviert sie, was treibt sie an? Die Antworten darauf können vielfältig sein: Anerkennung, Belohnung, soziale Gerechtigkeit, Einflussnahme, Ansehen, die Lust am Organisieren u.v.m. Wer diese Bedürfnisse kennt, kann mit strategischer Kommunikation viel mehr erreichen, weil er die Chance hat, den jeweils anderen in seiner Lebenswelt abzuholen und die Botschaften zu senden, die diese Zielgruppe benötigt und motiviert. Für den Trainer einer Mannschaft kann dies etwa sein: „Dein Engagement und dein strategisches Gespür tragen uns zum Erfolg. Ohne dich schaffen wir das nicht.“ Für die Eltern, die am Wochenende Fahrdienste übernehmen sollen, ist eine andere Botschaft wichtig: „Der Verein lebt vom Miteinander und Mitmachen. Dank Ihrer Hilfe sind wir zukunftsfähig.“

3. Stifte Sinn

RB: „Ein Ereignis vor einigen Jahren hat mir die Augen geöffnet. Eine Mannschaft hatte in guter Absicht Trikots selbst gekauft. Darauf angesprochen, dass dies nicht im Sinne des Vereins sei –zumal die Farben der Trikots nicht einmal den Vereinsfarben entsprachen – ernteten wir lediglich Unverständnis. Seitdem weiß ich umso mehr: Transparenz innerhalb des Vereins ist die Basis für erfolgreiches Miteinander. Denn hätten wir offen dargelegt, welche Bedeutung die Vereinsfarben und die einheitliche Darstellungsweise der Teams nach außen für die Identität des Sportclubs als Marke hat, hätten wir diese Diskussion nicht geführt.“

Wer offen kommuniziert und andere in seine Überlegungen und Strategien einbezieht, schafft Vertrauen und motiviert. Denn wenn Menschen verstehen, welchen Mehrwert Beschlüsse und Vorhaben haben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie sich nicht nur wertgeschätzt fühlen, sondern auch mit der Führung an einem Strang ziehen. Der offene Dialog ist dabei das effektivste Mittel der Führung. Denn neben der Wertschätzung stößt er zeitgleich kreative Prozesse an. Mitglieder, die einen Sinn in dem erkennen, was sie tun sollen, machen aktiv mit und bringen Ideen ein. Aus Wertschätzung füreinander wird so Wertschöpfung für alle.

4. Beziehe andere aktiv ein 

RB: „Ein Verein lebt vom Mitmachen. Das dachte ich zumindest lange Zeit. Immer häufiger stelle ich jedoch fest, dass einzelne sich ihrer Verantwortung entziehen oder Ansprüche nicht verhältnismäßig sind.“

Wir leben in Zeiten des Wandels. Nicht nur im Hinblick auf die technologischen Entwicklungen, sondern auch im Hinblick auf soziale und kulturelle Veränderungen: Kinder gehen täglich deutlich länger in die Schule. Oft sind beide Elternteile berufstätig. Die zunehmende Globalisierung ermöglicht die Vielfalt der Kulturen. Auch das Anspruchsdenken der Vereinsmitglieder hat sich gewandelt. Mit der Zahlung des monatlichen Beitrags (beim SV09 Hofheim z.B. 6,50 Euro pro Kind/Monat) geht für viele ein Dienstleistungsanspruch einher. Dies reicht von regelmäßigen Reportings über Mitbestimmungsrechte bis hin zur Einforderung konkreter Leistungen. Viele vergessen dabei jedoch: Ein Verein lebt vom Mitmachen. Daher sollte sich jeder die Frage stellen: Wie und in welchem Umfang  kann ich mich einbringen und wann fange ich damit an? Denn nur so können Vereine, Verbände und Parteien ihre soziale, kulturelle und gesellschaftlich bedeutende Rolle fortführen und ausbauen.

Für die Führungskraft im Ehrenamt bedeutet dies, immer wieder das Gespräch zu suchen, um Mitglieder und Eltern an ihre wichtige Rolle im Verein zu erinnern und somit aktiv einzubinden. Die Herausforderung besteht nämlich nicht nur darin, den Fortbestand des Vereins zu sichern, sondern auch darin, selbst auf sich und sein Team acht zu geben, um nicht unter der Last der Aufgaben zusammenzubrechen.

5. Sei geduldig und feiere Erfolge gemeinsam

RB: „Schon seit Frühjahr dieses Jahres sollen in der Jugendabteilung verlässliche Trainingskonzepte entstehen, die kindgerechtes Trainieren über die unterschiedlichen Spielklassen hinweg sicherstellen. Ein Projekt der Trainer, für das ich vier bis fünf Monate eingeplant hatte. Die Konzepte stehen bis heute noch nicht in allen Altersklassen. Bis zur Verabschiedung wird es wohl noch ein paar Monate dauern. Noch vor fünf Jahren wäre ich frustriert gewesen – geprägt durch meine berufliche Erwartungshaltung. Heute bin ich geduldiger, weil ich weiß, dass jeder einzelne sich mit seinen persönlichen Kompetenzen und Kapazitäten einbringt, so gut es geht.“

Die Anzahl der Freiwilligen im Verein sinkt. Die Arbeit bleibt mindestens gleich, wird vielerorts sogar mehr. Umso wichtiger ist es, Menschen wie Ralf Binzen zu haben, die gesellschaftliches Engagement übernehmen, ihre Führungskräfte im Verein durch gemeinsame Erlebnisse und Ankerkennung motivieren und bereit sind, ihre eigenen Ansprüche und Erwartungen für das Wohl der Gemeinschaft zurückzustellen. Führen im Ehrenamt bedeutet daher auch, Großzügigkeit zu lernen. Eine Tugend, die Führungskräfte vielleicht nicht immer schneller, aber gemeinsam ans Ziel bringt – als Teamplayer, nicht als Teamleader. Und das ist es, was im Verein wirklich zählt.

Haben auch Sie ähnliche Erfahrungen als Führungskraft im Ehrenamt oder Mitglied im Verein, Verband oder einer Organisation gemacht? Oder sind ihre Erfahrungen vielleicht ganz andere? Wir freuen uns auf Ihren Beitrag und den Dialog. 

KLAUS LEEDER

Geschäftsführer und Berater