Von Bernd Domrowe am 02.04.2015

Interview: „Sprechen Sie mit allen, immer wieder“

Kategorie:
Management von Organisationen

Herr Domrowe, Sie unterstützen gerade das Gefährdungsbeurteilungs-Projekt eines großen Finanzdienstleisters. Interessant dabei: Das Vorhaben wurde nicht vom Betriebsrat angestoßen, sondern von HR- und Health-Management-Verantwortlichen, richtig?

Ja. Das Konzernmanagement hat früh erkannt, dass eine Gefährdungsbeurteilung nicht nur gesetzliche Auflagen erfüllen und dem Arbeitsschutz nutzen würde, sondern auch dem betrieblichen Gesundheitswesen. Deshalb haben sie das Projekt gezielt selbst gestartet. Was aber nicht heißt, dass der Betriebsrat außen vor wäre – das geht ja auch gar nicht. Manager und Mitarbeitervertreter haben eine Betriebsvereinbarung geschlossen die gewährleistet, dass sowohl alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt werden als auch die von Mitarbeitern und Unternehmen. Die Gefährdungsbeurteilung soll nicht nur Belastungsursachen und Schwachstellen aufdecken, sondern auch aufzeigen, wo grundsätzlich gute Organisationszusammenhänge weiter verbessert werden könnten.

Das ist ungewöhnlich, oder? Läuft das Projekt denn zufriedenstellend?

Meiner Erfahrung nach sind es sonst tatsächlich eher Mitarbeiter-Vertreter, die das Thema Gefährdungsbeurteilung treiben. Dass HR-Verantwortliche ein Vorhaben wie dieses starten, ist also vermutlich wirklich ungewöhnlich. Doch das bedeutet nicht, dass ein solches Projekt schlechter oder mit schlechteren Resultaten laufen muss. Die Gefährdungsbeurteilung, die wir derzeit begleiten, zeigt das deutlich: Hier ist es den Verantwortlichen aus dem Health-Management gelungen, von vorneherein Ziele und Prozesse vorzugeben, die allen Stakeholdern nutzen. Und durch das Erarbeiten der Betriebsvereinbarung haben sie die Mitarbeitervertreter sehr früh mit an Bord geholt – auf eine Weise, die es den Betriebsräten ermöglicht ihre Rechte wahrzunehmen und ihr beträchtliches Arbeitsschutz-Know-how in das Projekt einfließen zu lassen.

Klingt, als wären „Kommunizieren“ und „Stakeholder einbinden“ das Wichtigste, was Manager in einem solchen Projekt tun können...

Psychische BelastungGanz sicher sogar. Wenn Sie als Führungskraft bei der Gefährdungsbeurteilung einen Alleingang versuchen, scheitern Sie. “Psychische Belastungen zu ermitteln ist nicht ganz einfach, sie lassen sich ja nicht mit einer Maschine messen.”Deshalb: Sprechen Sie mit dem Betriebsrat, sprechen Sie mit allen anderen. Sprechen Sie vor allem mit so vielen Führungskräften wie möglich, und das immer wieder! Nur so können Sie ermitteln, wer die wichtigen Stakeholder für Ihr Vorhaben sind. Und nur wenn Sie die kennen, können Sie sie früh über Zweck und Ziele der Beurteilung informieren, um Unterstützung für Ihr Vorhaben zu erhalten – und diese zielführend einsetzen. Genau das ist Führung: Ziele vorgeben und Zielerreichung erleichtern.

Wo Sie gerade von Unterstützung sprechen: War es schwierig, Unterstützer im Top- und Middle-Management zu gewinnen?

Das war in der Tat eine der Haupt-Herausforderungen des Projekts. Vor allem im Middle-Management haben viele Führungskräfte zunächst sehr zurückhaltend reagiert, viele haben das Projekt als Mehrarbeit ohne großen Nutzen gesehen. Um das zu ändern, haben wir getan, was Führungskräfte an dieser Stelle immer tun sollten: Hintergründe und Zusammenhänge erklärt, Vorteile aufgezeigt. Das hat recht schnell gewirkt, inzwischen unterstützen die meisten Manager das Projekt nach Kräften. Der Wirkzusammenhang dahinter ist ganz einfach: Wer den Zusammenhang zwischen Mitarbeitergesundheit und Leistungsfähigkeit des Unternehmens einmal verstanden hat, kann den Nutzen einer Gefährdungsbeurteilung nicht mehr in Abrede stellen. Seit wir die Unterstützung der Middle-Manager haben, arbeiten wir übrigens am zweiten Schritt – dem Vermitteln von Know-how. Schließlich müssen die Führungskräfte wissen, wie sie vorgehen sollen. Und psychische Belastungen zu ermitteln ist nicht ganz einfach, sie lassen sich ja nicht mit einer Maschine messen. Deshalb erklären wir immer wieder Begriffe, Zusammenhänge und Verfahren, um den zielführenden Fortgang der Erhebung zu unterstützen.

Erste Resultate haben Sie ja bereits ausgewertet. Was passiert als nächstes?

ManagerWir setzen uns derzeit mit Führungskräften und Mitarbeitern zusammen und überlegen, “Manager sollten sich erheblich viel stärker als bisher mit dem Thema befassen.”welche Handlungsfelder und Maßnahmen wir aus den Resultaten bereits umgesetzter Befragungen ableiten können. Erste sehr gute Maßnahmen haben die Beteiligten bereits entwickelt. Inzwischen arbeiten wir sogar an überregionalen Handlungsempfehlungen, die vom Top-Management weiter verarbeitet werden und danach voraussichtlich unternehmensweit umgesetzt. Vor allem Letzteres zeigt, welche Wertschätzung Sie den Themen Gefährdungsbeurteilung und Gesundheitsfürsorge mit einem solchen Projekt verschaffen können.

Also raten Sie HR- und Health-Managern grundsätzlich, Projekte wie das skizzierte anzustoßen?

Ja, unbedingt! Ich bin der Ansicht, dass Manager sich erheblich viel stärker als bisher mit dem Thema befassen sollten, und zwar von sich aus und so früh wie möglich. Denn erstens müssen alle Unternehmen in Zeiten von Fachkräftemangel und steigenden Bewerberansprüchen überlegen, was sie Mitarbeitern bieten. Und gezieltes Health-Management kann eine gute Antwort auf diese Frage sein. Zweitens sorgt der demographische Wandel dafür, dass dem Thema „Gesunderhaltung der Belegschaft“ per se mehr Bedeutung zukommt. Und aus beidem folgt drittens, dass Themen wie Gefährdungsbeurteilung, Health-Monitoring und Gesunderhaltung endlich zu strategischen Themen werden – und damit Führungs-Aufgabe.