Von Annette Lenz und Nathaly Parker am 24.08.2020

Vergiss die Technik! So gelingt virtuelles Lernen

Wenn es ums Lernen im digitalen Raum geht, stoßen wir in Unternehmen regelmäßig auf zwei gängige Vorurteile: 1. Virtuelles Lernen kann Präsenztermine einfach nicht ersetzen. 2. Im digitalen Raum steht die Technik zu sehr im Fokus. Wie das mit Vorurteilen so ist: Es lohnt sich, sie auf den Prüfstand zu stellen. Unsere wichtigsten Erkenntnisse lauten: Erlaube dir, zu lernen und stelle nicht die Technik in den Mittelpunkt, sondern das emotionale Erleben. Wie das gelingt, verraten wir Ihnen anhand konkreter Beispiele und Tipps aus unserer Praxis. 

„Dann hakt die Bildübertragung. Der Ton läuft nicht. Die Internetverbindung ist zu schlecht...“ Haben Sie sich beim Gedanken an Online-Workshops oder -Meetings auch schon einen dieser Einwände sagen hören? Wir vermuten: ja. Sie sind damit nicht allein. Technik kann eine Krücke sein und Lernen im virtuellen Raum beeinträchtigen. Sie muss es jedoch nicht. Denn welche Rolle Technik in einer virtuellen Veranstaltung spielt, können Trainer und Moderatoren selbst wesentlich beeinflussen.

Tipp 1: Bereite den virtuellen Raum perfekt vor.

Nur wer die Technik genau kennt, kann auch entscheiden, wie viel Technik nötig ist, um den Lernerfolg und Spaß am Lernen optimal zu verknüpfen. Unsere Erfahrung in zahlreichen Trainings und Moderationen zeigt: Je unerfahrener die Teilnehmenden sind, desto analoger arbeiten wir im digitalen Raum. Je erfahrener sie sind, desto mehr Technik können wir in der Lehre anwenden. Allerdings folgen wir stets einer strikten Devise: Wir setzen immer nur so viel Technik wie nötig ein, denn der Kontakt und die Lernziele haben auch im virtuellen Raum Priorität.

Zur Vorbereitung gehört zudem, bereits vor Beginn des Online-Treffens zu prüfen, ob sich jeder Teilnehmende störungsfrei einwählen kann. Funktionieren Ton, Bild und Übertragung? Sofern dies nicht der Fall ist, gilt es, eine passende Lösung zu finden, ggf. auch den Wechsel der digitalen Plattform. Wir sind überzeugt: Es gibt immer eine Lösung. In technisch aufwendigeren Veranstaltungen oder bei mehr als zwölf Teilnehmern arbeiten wir zum Beispiel im Tandem. So kann sich im Zweifelsfall ein Moderator um technische Störungen bei der Einwahl kümmern, während der andere weiter moderiert. 

Tipp 2: Binde die Teilnehmenden aktiv ein.

Stundenlang auf den Bildschirm und irgendwelche Folien starren? Wer möchte das schon. Kontakt ist hingegen der Schlüssel zu konstruktivem Austausch und zum Lernerfolg. Dies gelingt – wer hätte es gedacht – hervorragend mit analogen Methoden. Einzige Voraussetzung ist: Alle Teilnehmenden sehen den Trainer und sich selbst per Video, denn dadurch entsteht Nähe. Wenn Teilnehmende sich aus dem Homeoffice einwählen, bekommen wir oft die Rückmeldung, dass sie sich sehr wohlfühlen, als ob die Lerngruppe zu Gast bei ihnen im Wohnzimmer ist. Eine permanent laufende Kamera als Pflicht schützt zudem vor Ablenkung und Abschalten. Außerdem vereinbaren wir, dass der Trainer jederzeit mit jedem ins Gespräch kommen kann und senden damit die Botschaft: „Achtung“, du kannst jederzeit dran sein!

Vieles von dem, was wir in der Präsenzveranstaltung schätzen und das im Miteinander gut funktioniert, können wir übrigens auch im virtuellen Raum einsetzen, etwa das Flipchart oder farbige Memo-Karten. Dank Weitwinkel-Kamera und guter Ausleuchtung sind wir als Trainer gut sichtbar. Positiver Nebeneffekt: All jene, die der Technik und neuen digitalen Methoden skeptisch begegnen, entdecken Vertrautes. Die Akzeptanz in die „neue Art zu lernen“ steigt. Das schafft wesentlich mehr Aufmerksamkeit und sichert den Lernerfolg. Die wechselseitige Sichtbarkeit schafft zudem einen echten Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Etwas, das sonst nur Präsenzveranstaltungen zugesprochen wird!

Tipp 3: Schaffe gemeinsame emotionale Momente.

Dies gilt ganz besonders zu Beginn des Meetings, um die Gruppe füreinander zu öffnen. Zum Beispiel durch eine interessante Umfrage via Tools wie Mentimeter. Die Ergebnisse eröffnen die erste Diskussion. Wir ermöglichen außerdem Break-out-Sessions im Laufe der Veranstaltung. Dies können Diskussionen zu einzelnen Fragestellungen sein, die in Teams diskutiert werden. Es können aber auch Elemente sein, um die Konzentration der Gruppe zu stärken und Themen zu visualisieren.

Wir haben eine Teilnehmergruppe, die sich aus dem Homeoffice eingewählt hatte, beispielsweise gebeten, sich innerhalb von 5 Minuten das schrägste Outfit anzuziehen, mit dem Sie sich niemals im Büro zeigen würden. Es mag etwas unorthodox, gar albern klingen, aber mit dieser kleinen Mitmach-Aktion, bei der übrigens alle herzlich gelacht haben, wurden Aufmerksamkeit und Spaß am digitalen Training hoch gehalten. Zeitgleich hat es die Teilnehmenden dafür sensibilisiert, dass sie sich im beruflichen Umfeld – ob beim Video-Call oder -Meeting – auch im digitalen Raum stets zeigen und viel von sich preisgeben.  

Tipp 4: Fokussiere dich.

Online-Trainings und Workshops müssen minutiös vorbereitet werden. Egal ob in Einzel- oder Doppelmoderation: Der Raum gehört den Lernenden. Dies erfordert vom Trainer, sich in seinen Ausführungen auf das Wesentliche zu beschränken, Lerninhalte über Beispiele, Fragen und Diskussionen zu vermitteln und zwar durch größtmögliche Interaktion. So wird Online-Lernen nicht nur zum Vergnügen, sondern zum echten Mehrwert für alle.   

Damit Teilnehmer bei Online-Trainings begeistert und aufmerksam bei der Sache bleiben, setzten wir zum Beispiel Trainerinputs sehr dosiert ein: 5 Minuten inklusive Visualisierung und eher als Trainermoderation mit Rückfragen, statt als Monolog. Länger trägt es nicht. Die Teilnehmenden haben stattdessen mehr davon, nach dem kurzen Impuls in die Selbstreflexion oder Gruppenarbeit und Diskussion zu gehen. Auch hier gilt: Fokussierung!

Damit dies gelingt, muss vor der Veranstaltung sehr präzise geklärt werden, was der Kern des Lernziels ist. Auch die Aufgabenstellungen müssen zu 100 Prozent klar sein. Das gesprochene Wort reicht dabei oft nicht. Wir visualisieren daher zusätzlich am Flipchart und schreiben die Aufgabe zum Nachlesen in den Chat. Wichtige Spielregeln sind dabei: Vereinbarung auf Ergebniskommunikation, also wertschätzender Umgang mit der Zeit der anderen. Kurzum: Teilnehmende und Trainer kommen sofort auf den Punkt.

Fazit: Habe Mut zu lernen!

Die Bereitschaft zu Experimentieren war wohl noch nie so groß wie jetzt. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Arbeitsleben eröffnen den Raum für Experimente. Dies kann auch im Kleinen mit ersten Modulen als Test beginnen – nicht nur als Coaching, sondern auch als Live-Online-Training oder Workshop- oder Meet-up-Format, das derzeit aufgrund von Splitbetrieben oder ähnlichen Folgen von Corona eben noch nicht wie gewohnt stattfinden kann.

Gemeinsam werden wir zu einer virtuellen Lerngemeinschaft, in der wir nach Lösungen im digitalen Raum suchen – und sie eben oft auch im Analogen finden. Probieren Sie es aus! Es ist mehr möglich als wir alle denken. Wir nennen es #upstreamlearning.

Welche Erfahrungen haben Sie mit virtuellem Lernen? Welche Fragen stellen sich Ihnen? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

ANNETTE LENZ und NATHALY PARKER

Beraterinnen, Konzeptionerinnen und Coaches

Bild von Alexandra Koch auf pixabay