Die zerstörerische Macht der Emotionen: Mit Erfolg und Niederlage umgehen
Von Michael Riermeier am 02.10.2017

Die zerstörerische Macht der Emotionen: Mit Erfolg und Niederlage umgehen

Kategorie:
In eigener Sache

Es ist ein Schauspiel wie aus dem Lehrbuch und zeitgleich ein Offenbarungseid: der Auftritt der Mächtigen dieser Republik am Abend der Bundestagswahl. Zeigte er doch allzu deutlich, wie unterschiedlich Führungskräfte mit Erfolg und Niederlage umgehen und wie schnell starke Emotionen die Grenzen der Authentizität sprengen können. Angela Merkel, Martin Schulz, Alexander Gauland – sie alle müssen sich fragen: Wie kann ich im Bewusstsein der Wirkung nach außen als Führungskraft verantwortungsvoll mit Erfolg und Misserfolg umgehen?

Zum zweiten Mal seit dem denkwürdigen Auftritt von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) 2005 bot die sogenannte „Elefantenrunde“ ein größeres Spektrum an Emotionen als jeder Krimi. In der TV-Talkrunde bringen ARD und ZDF die Führungskräfte jener Parteien an einen Tisch, die in den Bundestag einziehen. Damals tönte Altkanzler Schröder in einer überbordenden Egomanie, dass er trotz Wahlniederlage selbstverständlich Kanzler bleiben werde. Die Zuschauer trauten ihren Ohren nicht und blieben verstört zurück.

Heute ist es Martin Schulz, Bundeskanzlerkandidat der SPD, der seine Emotionen nicht kontrollieren kann. In der Polit-Runde schlägt er harsche Töne an, geht auf Konfrontationskurs wie nie zuvor im Wahlkampf. Bundeskanzlerin Angela Merkel wirft er einen „skandalösen Wahlkampf“ vor und degradierte sie kurzerhand zum „Ideenstaubsauger“. Seinem Frust über das schlechte Abschneiden seiner Partei (20,5 Prozent) lässt er vor einem Millionenpublikum freien Lauf. Nahezu ungehemmt greift er Angela Merkel an. Auch persönlich.

Die Bundeskanzlerin dagegen bleibt in ihrer äußeren Haltung ruhig und souverän. In einer Situation des Angriffs ein Zeichen von Stärke und Führungsqualität. Indem sie jedoch geradezu stoisch die großen Stimmverluste ihrer Partei (- 8,7 Prozent, schlechtestes Ergebnis seit 1949) als eine gute Basis für die künftige Regierungsarbeit lobt, erscheint sie im Auge des Betrachters von der Realität distanziert und in der Argumentation abgehoben. Und auch Alexander Gauland, Spitzenkandidat der AfD, liefert einen Auftritt der besonderen Art. Er kündigt außerhalb der Elefantenrunde martialisch an, Angela Merkel „jagen“ zu wollen.

Schulz, Merkel, Gauland –  sie alle sind Führungskräfte, die sich auf einem schmalen Grat bewegen – zwischen Freude und Stolz, Arroganz und Abgehobenheit. Alle drei missachten den Perspektivwechsel. Jenen 360-Grad-Blick, der nicht nur das Ich und den Wettbewerb ins Visier nimmt, sondern alle relevante Dialoggruppen. Aus Sicht der Führungskraft sollten dies vor allem die Geführten, also die Wählerinnen und Wähler sein. Sie aber bleiben im Angesicht solcher Gefühlsausbrüche irritiert zurück.

Dabei ist Respekt zentrales Wertemotiv für den Umgang in jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Umso bedeutender ist es für Führungskräfte, sich stets ihrer Rolle als Leader mit Vorbildcharakter bewusst zu sein. Gerade weil sie in der Öffentlichkeit sichtbar sind, ist es ihre Pflicht, sich nicht nur mit ihren Emotionen, sondern auch mit ihrer Wirkung auf andere auseinanderzusetzen und Vorsicht walten zu lassen. Es ist Zeit für Eliten, sich wieder auf Maxime wie Bescheidenheit und Demut zu besinnen – im Sinne einer guten Führung und einer geeinten statt gespaltenen Gesellschaft. 

Ihr

MICHAEL RIERMEIER

Geschäftsführer und Berater